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Sonntag, 21. Dezember 2008

Über die FREUDE

Predigt zum 4. Advent über Philipper 4,4-7 am 21.12.2008 in Antalya

Liebe Gemeinde,
zum Arzt geht man in der Regel, wenn man krank ist oder wenn man spürt, dass eine Krankheit naht. Wir erwarten dann vom Arzt Sorgfalt und Bemühung, damit wieder heil und gesund wird, was krank ist. Der Arzt ist vor allem also ein Reparateur. Er repariert, was kaputt ist.
In anderen Kulturen – in China z.B. – sieht man die Aufgabe des Arztes weitaus umfassender. Er soll nicht nur reparieren, sondern vor-sorgen, dass etwas gar nicht erst kaputtgeht. Natürlich muss das auch der Patient wollen. Er muss mitmachen, sonst hilft auch die beste ärztliche Vorsorge nichts.
Es geht um zwei ganz verschiedene Perspektiven. Beide male geht es um die Gesundheit. Einmal aber geht es darum, sie wiederherzustellen, das andere mal aber darum, sie gar nicht erst zu verlieren.
Natürlich ist die zweite Perspektive die bessere. Wer möchte denn schon erst krank werden, um dann mühsam und vielleicht schmerzvoll zu gesunden? Lieber bleiben wir gesund. Wir beugen lieber vor und bevorzugen - wenn wir es ernst meinen – einen gesunden Lebensstil. Die Ärzte nehmen dann nicht das Kranke in den Blick, sondern sie studieren vor allem das Gesunde und fragen sich, wie man es bewahrt. Sie fragen nach Widerstandskräften, nach Immunisierung, nach den Vitaminen, die Leib und Seele brauchen, um gesund zu bleiben.
Diese Perspektive wurde nun nicht nur von den Chinesen entdeckt. Ein jüdischer Arzt und Psychologe hat das z.B. ebenfalls kurz nach dem 2. Weltkrieg entdeckt und erforscht. Er hatte KZ-Opfer untersucht und sich gefragt, warum die einen an dieser furchtbaren Erfahrung zerbrochen sind, während andere viel Widerstand und Kraft gegen genau dieselben Erfahrungen entwickelten. Er hat sich gefragt, was das wohl ist, was die einen so schwach und krank macht und was die anderen stärkt und gesund hält. Es ist nicht nur Veranlagung, geerbte Robustheit, seelische Panzerung. Es muss noch etwas anderes da sein, was die Seele von innen stark macht, und das hat dann auch Auswirkungen auf den Körper, auf die ganze Gesundheit und das Wohlbefinden.
Ich möchte nun sogar behaupten, dass der Apostel Paulus schon vor 2000 Jahren etwas ganz ähnliches entdeckt hat. Wir haben es gerade in der 1. Lesung aus dem Philipperbrief gehört.
Man stelle sich bloß einmal vor:
Paulus sitzt im Gefängnis. Nicht in einem modernen, sondern in einem antiken. Dort hat man ihn hineingebracht, weil seine Glaubensverkündigung Anstoß erregte. Wieder einmal. Er ist also gebunden, im wahrsten Sinne des Wortes. Er kann nichts tun. Dann bekommt er noch schlechte Nachrichten – ausgerechnet aus seiner Lieblingsgemeinde in Philippi, Nordgriechenland. Da gibt es Prediger, die nicht nur das Evangelium im Sinne haben, sondern noch von vielen anderen Motiven z.B. persönlicher Eitelkeit und Geschäftemacherei getrieben sind. Diese Prediger haben sogar Erfolg. Sie haben ein einnehmendes Wesen – und Paulus wird langsam, aber immer mehr an den Rand gedrückt. Er kann nichts tun. Er sitzt im Gefängnis mit gebundenen Händen.
Das ist eigentlich eine Situation zum verzeifeln.
Aber Paulus schreibt unentwegt von der Freude. Freut euch, sagt er – und abermals sage ich: Freut euch!
Wie bitte? – fragen wir. Bekommt Paulus vielleicht gar nicht mehr mit, was da alles so läuft. Redet er sich in etwas hinein, damit die Wirklichkeit nicht gar so schmerzlich wirkt? Macht er sich bloß etwas vor? Baut er sich eine Schein- o. Wunschwelt auf?
Oder aber meint er vielleicht eine Freude, die aus einer ganz anderen Tiefe kommt- aus der tiefsten Schicht der Seele? Es könnte ja sein, dass Paulus gerade durch seine schlimmen Erfahrungen auf eine Schicht in sich gestoßen ist, die ihn unangreifbar macht, weil sie ihm niemand nehmen kann. Er wird nicht krank, er verzweifelt nicht, er wird nicht depressiv oder niedergeschlagen, weil er sich ganz auf diese andere innerste Kraft konzentriert. Freude nennt er sie.
Und so geht es dann auch weiter: Zeigt eure Güte, die in eurem Herzen wohnt, den anderen Menschen. Sorgt euch nicht! Eure Sorge verändert ja nichts. Sie belastet das Leben nur auch noch und macht es noch schwerer. Wenn ihr einen Mangel verspürt, haltet ihn Gott hin. ER sorgt.
Und nun kommt sein Spitzensatz:
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahrt euch in solcher inneren Stärke.
Wir gebrauchen unsere Vernunft, um das Leben zu lenken und zu meistern. Das ist gut und vernünftig. Aber es reicht nicht aus. Damit allein lösen wir nicht alle Probleme. Es gibt eine höhere oder tiefere Vernunft, eine andere Kraft. Die gibt uns erst den Frieden.
Der Herr ist nahe.
Aus diesem Glauben lebt Paulus. Deshalb freut er sich. Weil Gott nahe bei ihm ist, und er Gott nah und näher kommt,- das versetzt ihn in Freude.
Freude ist also solch ein Vitamin, das die Seele immunisiert, und das dann auch den Körper gesund erhält.
Damit stehen wir aber nun vor der Frage: Wie finde ich denn dieses Vitamin? Wie kann ich es zu mir nehmen?
Ich kann es doch nicht einfach machen,- wie ich mir morgens zum Frühstück einen Orangensaft auspresse.
Nein, machen kann man dieses Vitamin „Freude“ nicht. Muss man auch nicht,- weil es schon in uns steckt. Es ist uns schon ins Herz gelegt. Ich muss es nur hervortreten lassen, ans Tageslicht bringen.
Neulich habe ich in einem wirklich guten Ratgeberbuch einen guten Ratschlag gelesen: Man soll ein Tagebuch der Freude anlegen. Nicht ein Tagebuch, wo man alles hineinschreibt. Da steht ja dann auch wieder soviel drin, was einen nur hinunterzieht. Vielmehr: jeden Abend zwei oder drei Dinge aufschreiben, die mir heute Freude gemacht haben. Auch Fotos oder Bilder kann man hineintun. Glückliche Situationen. Im Laufe der Zeit wird daraus ein Kraftbuch. Wenn ich darin lese und verweile, werde ich mich freuen.
Liebe Gemeinde,
Kinder freuen sich auf Weihnachten. Weihnachten ist ein Vitaminfest ersten Ranges. Da wird man in der Regel nicht krank. Und wir haben uns als Kinder – denke ich – auch auf Weihnachten gefreut. Wenn man erwachsen ist und sogar alt geworden ist, wird das anders.
Anders ja,- aber die Freude soll doch nicht verschwinden! Dann wäre unser Leben nur arm geworden oder vielleicht sogar krank. Wir sollten der Freude eine Chance geben. Sie ist leiser geworden, aber vielleicht auch viel tiefer.
Vielleicht können wir einander auch mit Paulus sagen: Freut euch! – und abermals: Freude! Gott ist nahe – so kurz vor Weihnachten allemal. Zeigt eure Güte! Das macht Freude. Es erfreut den anderen und es erfreut euch selber auch.
Und schreibt es in ein Buch. Wenn noch keins da ist, kann man es sich oder auch jedem anderen zu Weihnachten ja schenken.
Wahrscheinlich werden wir erstaunt sein, wie viel Freude wir wirklich – immer noch und immer wieder – haben.
AMEN

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